Als SPD, Grüne und Linke in Hessen und in Nordrhein-Westfalen die Landtagswahlen gewonnen hatten, waren die ersten Entscheidungen der neuen Landtagsmehrheiten die Abschaffung der Studiengebühren. In Hessen waren das 1000 € pro Jahr. Hierauf konnte man stolz sein.

Anders SPD und Grüne in Kassel. Sie klopfen heute mit stolzerfüllter Brust einen neuen Studiengang fest, der 1000€ im Monat kosten soll. Und verkaufen das als soziale Wohltat für 24 Studenten pro Jahr, die anderswo keinen Medizinstudienplatz mehr bekommen haben.

Und eigentlich umsonst sei es ja auch. Weil sie nämlich hier ein Turbostudium installieren wollen, bei dem man nach 5 Jahren statt nach in Deutschland üblichen 6 Jahren einen Arztabschluss bekommen kann. Was scheren echte Kasseläner die Erfahrungen von 36 deutschen Universitäten und deren Studienpläne. Sontheimer, Kaiser und Co. wissen das besser, wie man Qualität in die Medizinerausbildung für Nordhessen bekommt.

Um den ausgebildeten akademischen Nachwuchs vor Ort zu halten, will man ihm „zinsgünstige Kredite anbieten, die an eine arbeitsvertragliche Verpflichtung an GNH-Kliniken gebunden werden können". Für diese Planung gibt es einen guten alten deutschen Fachbegriff: ZINSKNECHTSCHAFT! Grandios, das die durch SPD und GRÜNE in Kassel wieder eingeführt werden soll! Leider muss ich jetzt schon Wasser in die Blutsuppe gießen: Das deutsche Arbeitsrecht wird dies nicht mitmachen. Ich freue mich jetzt schon auf die Mandate, die mir und meinen Kollegen aus der Fachanwaltschaft für Arbeitsrecht von der Stadt Kassel und der Gesundheit Nordhessen vorbereitet werden.

Zu den Kosten: Auch für 12000 € pro Jahr und Student kann man in Kassel keine Ärzte ausbilden. Die englischen Studenten in Southampton müssen nicht umsonst ihrer privaten University für die klinische Ausbildung Gebühren von jährlich 30.000 € (25.500 £) zahlen. Solche kostendeckenden Studiengebühren traut man sich hier zum Einstieg noch nicht gleich zu erheben. Stattdessen plant man ein, dass ca. 20 % der Kosten aus „Drittmitteln/Sponsoring" kommen werden. Welche dubiose Quelle hier die Drittmittel sprudeln lassen soll, wird bisher nicht angedeutet. Und Sponsoring? Welcher Sponsor ist hier mit langfristigen verbindlichen Zusagen dabei??? KSV Hessen und Kassel Huskies, die ihre verletzten Spieler ins Stadtkrankenhaus schicken? Die mit Trompetenschall als Leuchtturm der Kasseler Bildung aufgebaute KIMS (Kassel International Management School) war da solider gegründet gewesen. Hier gab es tatsächlich Kasseler Unternehmen, die Millionen im Sand versenkt haben, bis nach wenigen Jahren der Leuchtturm jämmerlich umgekippt war und ein Schuldenloch hinterließ.

Hauptfinanzier mit ca. 40 % - und das ist der eigentliche Skandal – soll mit ca. 1,7 Millionen pro Jahr das Klinikum Kassel selbst sein. Dafür dass ein privates Bildungsunternehmen tausende von Arbeitsstunden der Mitarbeiter des Klinikum beansprucht, die Räume des Klinikum beansprucht und die millionenteure medizintechnische Ausstattung mitbenutzt, dafür soll nicht der Nutzer zahlen, sondern der Leistungsgeber. Kassel wird Mittelpunkt einer schönen neuen verkehrten Welt!

Vielleicht fällt es ihnen leichter, das zu verstehen, was der Magistrat Ihnen vorschlägt, wenn Sie es auf ihren privaten Bereich übertragen: Herrn Sontheimer lädt sie ein, für die nächsten Jahre Gastgeber von Fürst Potemkin zu werden. Der schläft in ihrem Bett, frisst Ihren Kühlschrank leer, fährt mit Ihrem Auto spazieren und hält Sie von der Arbeit ab – und Sie zahlen ihm dafür eine Apanage von 10.000 € pro Monat!

Das ist nämlich auch genau das Gehalt, das der neue GmbH-Geschäftsführer bekommen soll, damit er maximal 120 Studentenakten und ein halbes Dutzend Mitarbeiter nach der Regie von GNH-Chef Sontheimer verwalten kann. 130.000 € Geschäftsführergehalt, das entspricht der Vergütung des Oberbürgermeisters!

„Am 11. Oktober 2011 unterzeichnete der Vorstand der GNH den Vertrag über die Zusammenarbeit mit der Universität Southampton." – Bekommen wir als Stadtverordnete, die diese Zusammenarbeit absegnen sollen, den Vertrag zu sehen? Nein, der ist geheim.

Die GNH hat einen Geschäftsplan für die Kassel School of Medicine aufgestellt. – Bekommen wir diesen gesamten Geschäftsplan zu sehen, bevor wir das Geschäft gutheißen? Nein, der ist geheim.

Es gibt Stellungnahmen der Wirtschaftsprüfungsbüros PricewaterhouseCoopers und Strecker, Berger und Partner. Bekommen wir diese mit Ausnahme weniger Zitate in die Hand? Nein, die sind geheim.

Wer dem Magistratsvorschlag auf dieser Grundlage jetzt zustimmt, gibt dem Vorstand und Aufsichtsrat den Segen zur Veruntreuung kommunaler Mittel. 1,7 Millionen € pro Jahr sollen den Mitarbeitern und/oder der Qualität der Patientenversorgung in Kassel entzogen werden. Ausschließlich für den Nutzen einiger weniger Studenten aus reichen Elternhäusern und der Entourage um Sontheimer, von denen sich zukünftig einige als „Associate professor" oder „Assistant professor" mit dem Zusatz „Southampton" titulieren dürfen. Und weil die soziale Inkompetenz des Klinikleiters keine vernünftige Kooperation mit den Hochschulen in Marburg und Göttingen zulässt.

Die Kasseler Linke macht dabei nicht mit.

Rede des Stadtverordneten Axel Selbert in der stadtverordnetenversammlung am 12.12.2011, wie immer gilt das gesprochene Wort.

Mehr dazu auch im InformationsSystem der Stadt Kassel